
Eine neue Perspektive ...
Eine Traumatisierung ist keine Störung oder Krankheit, sondern eine normale Reaktion auf unnormale Ereignisse.
Polizist:innen sind meiner und anderer Forschung zufolge vielschichtiger Belastung ausgesetzt. Neben ungünstigen Arbeitsbedingungen, Schichtdienst, einem Teufelskreis aus Personal- und Zeitmangel, einer manchmal schmerzhaft pauschalisierenden negativen Darstellung durch die Medien, sind es insbesondere auch die schweren Einsatzszenarien, die ihren Tribut zollen.
Ob Suizid, Einsätze in die Kinder involviert sind oder schwere Verkehrsunfälle; zu erleben, dass eine Situation nicht mehr gelöst, sondern nur noch bezeugt werden kann, steht im krassen Gegensatz zu dem polizeilichen Selbstverständnis eigentlich doch helfen und Probleme lösen zu wollen. Was bleibt ist den Polizisten zufolge immer wieder ein Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit.
Wiederholen sich solche Szenarien zu oft, und der Mensch bleibt zunehmend in dem Gefühl der Machtlosigkeit gefangen, entsteht dass, was allgemeinhin als Traumatisierung bekannt ist. Während ein nicht traumatisierter Organismus flexibel auf sein Umfeld reagieren kann und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleibt, steckt ein traumatisierter Organismus zunehmend in der Ohnmacht. Ein Gefühl von „Ich kann nicht ...“ herrscht vor. Um sich zu schützen, reagiert der Organismus mit Angst (dem Wunsch zu flüchten) oder Wut und Aggression (dem Bedürfnis sich zu verteidigen). Beides ist in Maßen sehr sinnvoll und sogar lebensnotwendig - unsere Spezies gäbe es nicht mehr, hätten wir nicht gelernt in bestimmten Situationen zu fliehen oder uns zu verteidigen. Bei einer Traumatisierung kommt es jedoch dazu, dass diese beiden Impulse Überhand gewinnen oder der Mensch sich wie betäubt fühlt.
Sind Menschen traumatisierte, haben also aufgrund bedrohlicher und belastender Situationen ihr inhärentes Sicherheitsgefühl verloren, reagieren sie mit Angst, sind teilnahmslos, erstarren, ziehen sich zurück, oder werden aggressiv und greifen verbal oder körperlich an, auch dann, wenn dies nicht notwendig ist. Was so zurückgewonnen werden soll ist die verloren gegangene Sicherheit. So zu reagieren suggeriert den Rückgewinn der Kontrolle, die vorher verloren wurde. Was dabei zunehmend verloren geht ist die Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu gehen. Der Organismus schaltet in einen Überlebensmodus, indem seine soziale Interaktionsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist. Denn überleben ist gerade wichtiger als interagieren.
In einem solchen Zustand gefangen zu sein, kann sehr unangenehm und frustrierend sein. Für einen selbst und für das eigene Umfeld.
Wichtig ist dabei zu verstehen: Eine Traumatisierung ist keine Störung, sondern eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Es ist gut, dass ihr Organismus diese verschiedenen Mechanismen zur Verfügung hat, um sie zu schützen. Das Problem ist nur, wenn er das Gefühl hat, sie schützen zu müssen, obwohl es dafür keinen Grund gibt.
Was braucht Ihr Organismus also? Richtig, er muss wieder lernen, was Sicherheit heißt. Dieses Lernen ist dabei weniger Kopf- als Körpersache. Denn vielleicht kennen Sie es: Sie können sich tausendmal sagen, dass alles gut ist, wenn Sie das nicht spüren, ist das herzlich egal und Sie sind trotzdem gestresst oder empfinden Angst, Unruhe oder Wut. Zum Glück gibt es inzwischen gute Wege, den Körper in die Entwicklung eines neuen Sicherheitsgefühls einzubeziehen. Ein Weg führt über die von mir genutzte Methode Somatic Experiencing.
Da wo Sicherheit spürbar wird, können Sie mit Bedacht handeln, Leistung bringen, aber auch sich anvertrauen und sich entspannen und zur Ruhe kommen.
Und die gute Nachricht ist: Die Neurobiologie ist auf Ihrer Seite. Der Mensch hat die inhärente Fähigkeit Traumatisierungen aufzulösen und diese abzuschütteln. Das kann mal schnell gehen, mal braucht es länger. Aber so oder so: Veränderung ist möglich. Die Forschung der letzten Jahrzehnte zu Neuroplastizität hat gezeigt: Der Mensch lernt sein ganzes Leben. Alte neuronale Verbindungen, die bestimmtes Verhalten und fühlen vorgeben, können aufgelöst und neue Verbindungen geknüpft werden.
Das ist eine Riesenchance. Und die Erfahrung zeigt: Wer es wagt den Weg zu gehen und sich mit dem, was ihn belastet hat zu beschäftigen, geht oft gestärkt daraus hervor. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Belastungen ist anstrengend. Das steht außer Frage. Aber sie birgt auch die Chance darauf zukünftig besser Grenzen setzen zu können und für sich einzustehen, sich besser schützen zu können, tiefere soziale Verbindungen knüpfen zu können und mit einer größeren Gelassenheit dem Leben zu begegnen.
Der Traumaforscher Peter Levine fasste es so zusammen: Trauma ist ein Teil des Lebens, aber es muss kein Fluch fürs Leben sein.
Gibt es etwas, was sie belastet oder schon länger beschäftigt? Melden Sie sich gerne und wir erarbeiten gemeinsam, wie ich Sie unterstützen kann.
